Still        (2003)

für Sprecher und vier Männerstimmen mit Akkordeon

mit dem Text Unendlichkeit von Giacomo Leopardi

André Wilms gewidmet,

mit dem ich sitzend und schauend unzählige Stunden verbringen durfte

Auftrag des WDR Köln für die Wittener Tage für neue Kammermusik

Dauer: ca. 20 '

 

UA am 10.05.2003 bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik, Rudolf-Steiner-Schule, Witten

André Wilms, Sprecher 

Teodoro Anzellotti, Akkordeon

Neue Vocalsolisten Stuttgart

Mitschnitt des WDR

Still - André Wilms, Teodoro Anzellotti, Neue Vocalsolisten Stuttgart
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Stets war lieb mir dieser einsame Hügel
und diese Hecke, die zum größeren Teile
dem Blick den fernsten Horizont entzieht.
Doch wenn ich sitze und schaue: grenzenlose
Räume jenseits von ihr und Menschenmaß

übersteigendes Schweigen und tiefste Ruhe
stell ich im stillen mir vor, bei der nur kurz
das Herz verweilt ohne Angst. Und wie ich den Wind

rauschen höre in diesen Büschen, vergleich ich

jene unendliche Stille mit dieser Stimme,
und in den Sinn kommen mir die Ewigkeit
und die vergangenen Zeiten und die lebendige

Gegenwart und ihr Klang. Und so, in dieser

Unermeßlichkeit, ertrinkt mein Denken,
und süß ist mir, Schiffbruch zu leiden in diesem Meere.

Giacomo Leopardi, Unendlichkeit (aus den Canti, 1819)

übersetzt von Helmut Endrulat
© Philipp Reclam Stuttgart

Wer möchte, kann die Menschen in verschiedene Kategorien einordnen. Zwei große Kategorien sind: Menschen, die sich mitunter langweilen, d.h. jene, denen der Zustand der Langeweile vertraut ist. Und Menschen, die sich nie langweilen, d.h. jene, die vorgeben, sich nie zu langweilen. Meist ist es leicht, herauszufinden, zu welcher Kategorie jemand gehört. Schon eine einfache Frage bei einem Café-Besuch kann alles ans Licht bringen: Trinken wir noch einen zweiten Espresso? Diejenigen, die vorgeben, sich nie zu langweilen, werden diese Frage kategorisch verneinen (ausgenommen jene, die aus gesundheitlichen oder terminlichen Gründen ablehnen müssen), denn schließlich genügt ein Espresso und es gibt ja auch noch Wichtigeres zu tun. Kommunikation zwischen Mitgliedern beider Gruppen ist oft schwer. Obwohl es in der Natur der Sache zu liegen scheint, bleibt es interessant, dass jene, die sich nie langweilen, oft diejenigen, die sich mitunter langweilen, zu Tode langweilen, während es umgekehrt viel seltener der Fall zu sein scheint. Die Langeweile, die ich meine, hat dabei nichts mit "Nichts-mit-sich-anfangen-können" zu tun, sondern vielmehr mit dem lähmenden Sehnsuchtszustand des "Nicht-anfangen-können-zu-tun".

 

Der klingende Tisch. An ihm fünf Männer: Einer mit Akkordeon an der Stirnseite, jeweils zwei Sänger an den Längsseiten sitzend. Sie bilden eine Einheit, jederzeit zur Äußerung bereit. Form und Inhalt ihrer Äußerungen sind unberechenbar. Jederzeit sei alles möglich. Daneben der Sprecher. Auch er eine Einheit. Der Sprecher spricht manchmal, erst sitzend, dann stehend. Zwischen beiden Einheiten verbindet auch der Text. 

 

In dem Film Das Leben ist schön stellt ein Hotelgast dem Hoteldiener folgendes Rätsel: "Wer bin ich? Sowie Du meinen Namen nennst, bin ich nicht mehr da."

Still ist André Wilms gewidmet, mit dem ich sitzend und schauend unzählige Stunden verbringen durfte.

 

Markus Hechtle