Fresko. Eine Sehnsucht.     (1993)

für vier Gitarren

 

Dauer: ca. 23 '   

 

UA am 13.12.1993, Prag/Tschechien  

Aleph Gitarrenquartett

Andrés Hernández Alba

Rodger Masou

Patrick Poebel

Harald Scharpfenecker

Fresko. Eine Sehnsucht. - Aleph Gitarrenquartett
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Fresko. Eine Sehnsucht. ist für das Aleph Gitarrenquartett geschrieben worden und bildet das erste Stück einer  Trilogie. Das zweite Stück, Fresko. Eine Hinsicht., ist für großes Ensemble und 12-stimmigen Solistenchor mit Live-Elektronik, das dritte wird ein Orchesterstück sein, das den Titel Fresko. Eine Zuflucht. tragen wird.

Fresko. verweist auf einen Bezug zur bildenden Kunst. Fresken, gemeint sind ausschließlich frühe Fresken, beeindrucken mich aufgrund ihrer großen Klarheit, Einfachheit und Kraft. Das steht in keiner Verbindung zu Simplizität und Banalität, im Gegenteil: komplexe Sachverhalte werden auf eine atemberaubende Art und Weise dargestellt, die einerseits Sehnsucht, andererseits Distanzierung weckt. Diese Schönheit, die ich hier finde, besitzt eine seltsame Aura: Anziehung und vorsichtige Entfernung, eine kühle Nähe, gespannt konzentrierte Intimität.

Nun ist die Trilogie keineswegs der Versuch, Fresken musikalisch nachzuzeichnen, das Medium Musik ist per se nicht dazu in der Lage. Die Vorstellung von Bildlichkeit meint also nicht Nachahmung, Kopie oder Beschreibung bestimmter Werke der Fresco-Technik. Der Fresko-Gedanke spürt für mich vielmehr einer spezifischen Atmosphäre nach, die mich  bei der Betrachtung von Fresken berührt. Es fällt nicht leicht dieses Gefühl von 'berührt sein' zu formulieren, zumal es mir eben nicht um inhaltliche Kongruenz oder technische Entsprechung geht, wahrscheinlich aber um die sehnsüchtige Annäherung an einen bestimmten Zustand, der am Ende mit Fresken nichts zu tun haben muss. Begriffe und Wörter fallen mir dazu ein: Patina, verblasste Farben und Flächen, Grade von Rauheit, taktile Erfahrungen, Brüchigkeit, Vereinzelung, Inselhaftigkeit und immer wieder Klarheit, große Klarheit und Einfachheit, starke Einfachheit.

Diese Gedanken sind es, die mir bei der Arbeit an Fresko. immer wieder durch den Kopf gehen und in formaler und struktureller Gestaltung Spuren hinterlassen.

So ist das erste Stück der Trilogie, Fresko. Eine Sehnsucht., Ausgangspunkt und Auslöser für eine dreiteilige Suchaktion, die dem Klaren und Einfachen Aufmerksamkeit schenken und sich dabei auch selbst in Frage stellen will.

Eigentlich möchte ich vermeiden, zu sehr auf gestalterische Details einzugehen, lediglich zwei Aspekte seien herausgegriffen. Vier Gitarren, das heißt viermal das gleiche Instrument, vermeintlich viermal die gleiche Klanglichkeit. Viermal das Gleiche fordert aber auch dazu auf, viermal zu spezifizieren, das heißt neben dem Gemeinsamen jeder Gitarre das Besondere, das Eigene zu geben. In  Fresko. Eine Sehnsucht.  ist jede Gitarre anders gestimmt. Alle Baßsaiten und alle Diskantsaiten zusammen ergeben jeweils ein chromatisches Total, das heißt alle zwölf Töne innerhalb einer Oktave sind als Leersaiten vorhanden. 

Wenn nun zwei oder mehr Gitarren denselben Ton spielen, so ist er tatsächlich nie derselbe, weil jede Gitarre diesen Ton entweder auf einer anderen Saite oder auf einer anderen Stelle auf dem Griffbrett erzeugt. So entsteht eine große Palette an klangfarblichen Abstufungen trotz der homogenen Quartettbesetzung (freilich bewegen sich diese Abstufungen in Mikro-Bereichen, man muss schon sehr genau hinhören, um diese Nuancen wahrzunehmen).

Das Stück besteht aus drei Teilen, die sich sowohl durch ihre Klanglichkeit als auch durch ihre Länge sehr deutlich voneinander unterscheiden. Der dritte und letzte Teil besteht  nahezu ausschließlich aus Flageoletts, das sind Obertöne eines Grundtons, die durch eine bestimmte Spieltechnik erzeugt werden. Im Verhältnis zu den vorangegangenen Teilen ist dieser dritte Teil unverhältnismäßig lang, ein gigantischer Rattenschwanz, der das Vorangegangene fast aus der Erinnerung verdrängt. Hier gilt es auszuharren, der Welt, die hier eröffnet wird, nachzuhören; wie ein Kind, das im Dunkeln singt um sich die Angst zu vertreiben, "singt" das Quartett eine Melodie nach der anderen, stammelt eine Formel nach der anderen, ohne Ende, ohne Ziel. 

 

Markus Hechtle